Auspacken 3

Auspacken Teil 3 – Serie in der Zauberzeitschrift „Magische Welt“

Aus dem Heft Nr. 3 – Jahrgang 66, 2017

Bei weiteren Recherchen zu Produktionsgeräten in der Zauberkunst findet man immer wieder neue Varianten verschiedenster Geräte, dabei müssen die Trickgeheimnisse nicht mehr neu erfunden werden. Sie haben sich seit Jahrzehnten bestens bewährt. Nutzte man früher vorrangig Metall und Holz für die Verarbeitung der Apparate, findet man heute oft nur noch Geräte aus Plastik im Fachhandel. Über die Dekoration der Apparate und ob sie heute noch zeitgemäß sind, darf man sich gerne streiten. Zudem ist es manchmal nicht ganz einfach, die Apparate richtig zuzuordnen, da der Zauberfachhandel oft unterschiedliche Namen für ein und das selbe Gerät in seiner Werbung benutzt. Wir kennen sie alle, die klassischen Zauberapparate, wie das Silk Cabby, die Ghost Tube, Genii Tube, Lota Bowl, Silk Wonder Box, die Dove Pan, die Fantasta und die Drawer Box. Auch die Geheimnisse hinter dem Kunststück sind den meisten Zauberfreunden bekannt. Mit der Ghost Tube (englisch), im amerikanischen Sprachgebrauch, laut Bart Whaley’s „Encyclopedic Dictionary of Magic“, „Phantom Tube“ genannt, werden aus einer leer gezeigten Röhre Seidentücher, Flaggen oder Blumen produziert. Auch hier ist es wieder einmal sehr schwer, den Urheber zu finden. Dieses Trickgerät wird Jules Danby (Daniel J. Brewer ? – 1947) zugeschrieben, der es während des 1. Weltkriegs im Jahr 1916 erfand und „The Silver Tube Illusion“ nannte. Das Kunststück wurde erstmals in der Zeitschrift „Magic Wand“ von 1919 im Heft Nr. 2 beschrieben. Schaut man sich die Beschreibung des Kunststücks in diesem Heft an, sieht man, dass der innere Konus nicht mittig platziert ist, sondern am Röhrenrand. Bei einer anderen Variante ist der Konus mittig in der Röhre angebracht, was die Ladekapazität verändert. Verkauft wurde das Gerät erstmalig 1921 in England von der Norton-Bretma Company, in den USA als „Phantom Tube“ von der Firma Thayer und im Januar 1922 von der Petrie-Lewis Company. Im Jahr 1926 zeigte dieses Kunststück „The Great Raymond“ in Südamerika. Dort bekam das Gerät den Namen „El Tubo Raymond“.

Weitere Varianten von Produktionsröhren sind die „Genii-Tube“, mit einem konisch zulaufenden Innenteil, diese Röhre, meist viereckig, kann zum Leerzeigen geöffnet werden. Ein sehr altes Kunststück sind die „Organ Pipes“ – Orgelpfeifen, auch bekannt unter dem Namen „Le Souper du Diable“ – hier wurde aus sechs Metallröhren ein mehrgängiges Menü samt Tisch und Dekoration hervorgezaubert. Die Erfinder sind der österreichisch-italienische Amateurzauberer Antonio Molini (1856 – 12. August 1912) und der aus New York stammende A. de Kerbec. Die Dye Tube oder Drumhead Tube wurde um 1892 von David Devant (22. Februar 1868 – 13. Oktober 1941) erfunden, hier kommt ein Ladezylinder zum Einsatz, der nach dem Leerzeigen der Röhre heimlich in dieser platziert wird. Eine Variante davon ist die „Bogart/Bogert Tube“. Die „Goblin Tube“ ist eine kleinere Variante und wird mit Hilfe einer Daumenspitze „geladen“.

Aus dem Thayer Katalog Nr. 8 von 1936, in dem dutzende Geräte angeboten wurden, darf ich eines herausgreifen. Das „Silk Cabby. Dieses Trickgerät wird auch Silk Cabinet, Silk Vanishing Box oder Handkerchief Cabinet genannt. Mit diesem Gerät kann man verschiedene Tuch-Kunststücke zeigen, meistens wird es dazu eingesetzt, ein Tuch zu färben. Es gibt unterschiedliche Ausführungen in der Größe, einmal für den Parlour- und einmal für den Bühnenbereich. Das Gerät hat vorne und hinten jeweils eine Tür, die man nach unten klappen kann. So wird das Innere des Kabinetts sichtbar und kann leer gezeigt werden. Im geschlossenen Zustand werden diese Klappen meist mit Beschlägen an der Oberseite des Kabinetts arretiert. An beiden schmaleren Seiten befindet sich jeweils ein Loch durch das man ein Tuch ziehen kann. Das Gerät wird bei der Vorführung in einer Hand gehalten. Diese Geräte sind oft im chinesischen Stil mit einem Drachenmotiv dekoriert. Der klassische Effekt läuft in der Weise ab, dass man das Kabinett zuerst einmal leer zeigt, indem man beide Klappen (Türen) nach unten fallen lässt. Nachdem man beide Türen wieder geschlossen hat, drückt man z. B. ein rotes Tuch seitlich durch eines der Löscher. Mit einem Zauberstab hilft man hier nach und stopft das rote Tuch ganz in das Kabinett und es kommt am anderen Ende gelb gefärbt wieder heraus. Beide Türen werden wieder nach unten geklappt um zu zeigen, dass sich nichts im Inneren befindet.

Erfinder dieses Kunststücks war Tom Sellers (1890 in Schottland – 3. November 1961), englischer Zauberkünstler und Autor vieler Artikel in den damaligen Zauberzeitschriften. Das Kunststück entwickelte er im Jahr 1933. Ihm wird auch die Erfindung der Kunststücke „Bank Night (Just Chance)“ im Jahr 1935 und „Affenschaukel (Monkey Bar)“ im Jahr 1955 zugeschrieben, wobei sich die Quellen bei der Affenschaukel nicht ganz sicher sind. Tom Sellers hat das Silk Cabby zum ersten mal 1933 in einem kleinen Büschlein mit dem Namen „More Secrets“ beschrieben. In der Beschreibung war eine Röhre an der Innenseite einer Klappe angebracht. Im Thayer Katalog Nr. 8 wird ein Kunststück mit dem Namen „Thayer’s New Wonder Silk Cabby“ angeboten. Dieses Kunststück wird im 4. Band „Thayer Quality Magic“ von Glenn Gravatt beschrieben und hier wird klar darauf hingewiesen, dass man beide Türen jederzeit in geöffnetem Zustand zeigen kann und das man mit einer bestimmten Handhaltung bequem das Gimmick auf die Höhe der Löcher im Kabinett drücken kann. Eine Abwandlung der Tricktechnik war mir bis dato neu – auch das Gimmick ist mit Scharnieren am Boden befestigt und kann mit den Fingern einseitig nach oben geklappt werden. Mittlerweile gibt es eine weitere Variante des „Silk Cabby“, hier wird zum Schluss über einen Mechanismus im Deckel der komplette Innenraum des Kabinetts z. B. mit Sponge Balls gefüllt. Es handelt sich um das Kunststück „Double Dragon Double Surprise Box“, vertrieben wurde es von Peter Austin.

Square Circle Box – Fantasta – Wunda Villa

Der englische Amateurzauberkünstler, Autor und Erfinder Louis S. Histed (22. August 1897 – 10. Oktober 1965) gilt als Erfinder der „Square Circle Illusion“ – im Englischen „Wunda Villa“, bei uns als „Fantasta“ bezeichnet. Er bot das Kunststück um 1930 unter dem Titel „Chinesische Pagode“ an. Basierend auf dem „Schwarze Kabinett“ – Prinzip befindet sich die Ladung in einem nicht zu erkennenden schwarzen Tubus der das eigentliche Zaubergerät niemals verlässt. Nacheinander werden zwei Röhren aus einem Kasten, vorne mit Gitter versehen, herausgeholt und leer gezeigt. Im Jahr 1968 brachte W. Geissler Werry das Kunststück „Compacto“ heraus, als Pendant zur Fantasta Illusion.

Die Drawer Box

Die klassische Drawer Box (Schubladen Box) ist eine Schatulle, deren Inneres man durch das Herausziehen einer Lade dem Publikum leer vorzeigt. Wird die Box verschlossen und wieder geöffnet, können unterschiedliche Gegenstände produziert werden. Dieses Hilfsmittel gibt es in kleinen und großen Ausführungen, dezent oder aufwendig dekoriert. Mittlerweile ist das Prinzip hinter diesem Trickgerät dem Laienpublikum bekannt, nicht zuletzt auch deshalb, weil es oft in Zauberkästen als billiges Plastik-Gerät beigelegt wurde oder wird. Einige Hersteller versuchen das Geheimnis mit zusätzlichen Änderungen an der Box zu kaschieren. So kann man bei einigen Exemplaren durch Löscher in der Seitenwand hindurchsehen, wobei man aber nur in einen völlig schwarzen Innenraum schaut. Neuere Apparate lassen eine zweite „Ladung“ zu. Andere Ausführungen haben eine durchsichtige Plexiglaslade. Laut Bart Whaleys Buch „Encyclopedic Dictionary of Magic“ wurde eine Drawer Box zum ersten Mal im Jahr 1843 kommerziell angeboten und im Jahr 1857 in dem Buch „The Magicians Own Book“ beschrieben. In Professor Hoffmanns Buch „Modern Magic“ aus dem Jahr 1876 findet man ab Seite 343 einige Informationen zum Aufbau der Drawer Box, mit zusätzlichen Varianten. Auch Henry Hay hat in seinem Buch „Cyclopedia of Magic“ von 1949 zu diesem Kunststück einiges geschrieben, wobei die Illustrationen in diesem Buch von Hoffmann stammen. Zu dieser Drawer Box findet man auch etwas in dem Buch „Sleight of Hand“ von Edwin Sachs aus dem Jahr 1885 auf Seite 300. Natürlich ist eine Drawer Box auch fester Bestandteil diverser Zauberkataloge. Seit geraumer Zeit wird das Drawerbox-Prinzip auch zum Austausch von Kartenspielen in der Kartenkunst verwendet. Dabei kann die Box am Anfang leer vorgezeigt werden, dann erscheint ein blaues Kartenspiel was sich zum Schluss in ein rotes Kartenspiel verwandelt. Hier kommt ein Kartenschachtel-Gimmick zum Einsatz, welches eine blaue Schachtel vortäuscht. Das Kunststück ist unter dem Namen „Miraculum Box“ im Handel erhältlich.

Robert Harbin

Auf meiner weiteren Suche nach Produktionsapparaten bin ich dann auch auf zwei Kunststücke von Robert Harbin (Edward Richard Charles Williams, 14. Februar 1908 – 12. Januar 1978) gestoßen. Die „Upside Down Production Box“ wird in seinem Buch „Magic of Robert Harbin“ beschrieben. David Bull (Le Grande Davis) hat sie dann später überarbeitet, die Beschreibung findet man im „Magic Magazine, Volume 14 vom Februar 2005. Auch bei Paul Daniels (6. April 1938 – 17. März 2016) kam diese Box zum Einsatz, befanden sich doch einige Originalgeräte von Harbin in seinem Besitz. Er nutze eine überarbeitete Version von Gil Leaney (1921 – 1993) aus den 1980er Jahren. Ein weiteres Produktionsgerät von Robert Harbin trägt den Titel „Switcho Box“, ein Tubus mit einem Deckel, dieses Gerät arbeitet ähnlich wie ein Changierbeutel – ich vermute, es hat eine Innenklappe die man beim Leerzeigen nicht sieht, da der Innenraum der Box völlig schwarz ist.

Quellen für diesen Artikel: Bart Whaley: Encyclopedic Dictionary of Magic, Harold Rice: Encyclopedia of Silk Magic, Glenn Gravatt: Thayer Quality Magic in 4 Bänden, Die Website – Conjuringcredits.com, Die Website – Zauberpedia.de